Fachkräfte - Akademisierung oder betriebliche Ausbildung?

Statement von Dr. Thomas Köster beim Symposium "Arbeitsmarkt der Zukunft" des Walter-Eucken-Instituts und des AK Freiburger Schulen am 6. März 2015 in Freiburg.

Ich spreche hier aus der Sicht eines Praktikers, der seit 1972 für die Handwerkskammer Düsseldorf und das Handwerk in Nordrhein-Westfalen tätig ist. Ich werde nie folgenden Satz aus der Meisterfeieransprache unseres seinerzeitigen Kammerpräsidenten Georg Schulhoff aus dem Jahre 1973 vergessen:

 „Was nützt ein Studium, wenn es nicht verwendet werden kann?!? Was wird aus dieser ganzen exklusiven bildungspolitischen Intellektualisierung, wenn die jungen Menschen nicht verwendet werden, wenn die jungen Menschen in einigen nicht so fern liegenden Jahren nicht mehr vor einem Numerus Clausus der Studienplätze, sondern vor einem viel schlimmeren Numerus Clausus, nämlich dem der beruflichen Position, stehen werden. Das wird dann zur eigentlichen, zur wirklichen Bildungskatastrophe.“

Prophetische Worte!  Wir stehen heute vor den Trümmern der Politik der sogenannten Bildungsexpansion. Diese Art von Bildungspolitik hat sich als ein höchst effizientes Programm dafür herausgestellt,  sowohl das Gymnasium als auch die Hochschule als auch die berufliche Bildung in die Krise zu treiben.  Nach fünfzig Jahren einer deratigen Poltik haben wir heute ein gewaltiges Ungleichgewicht  zwischen akademischer und beruflicher Bildung.  Wenn die Frage lautet: Besteht Änderungsbedarf ?  So heißt meine Antwort. Ja, es besteht fundamentaler Änderungsbedarf ! Erstens eine kurze Anmerkung zum genannten  Ungleichgewicht. Zweitens lobe ich aus der spezifischen Sicht des Handwerks  unser duales Berufsausbildungssystem, um mich dann drittens Reformnotwendigkeiten zuzuwenden.

Aufschlag 1:  Ungleichgewicht zwischen akademischer und  beruflicher Bildung

Obwohl dieses Ungleichgewicht  zuungunsten der beruflichen Bildung immer klarer vor Augen tritt, läßt die OECD nicht davon ab, die berufliche Bildung unterzubewerten . Zwar sind in den jüngsten OECD-Berichten gewisse  Besserungsanzeichen erkennbar.   Aber die der Öffentlichkeit übermittelte Grundtendenz  ist wenig verändert. Nach OECD-Verständnis ist der Sohn eines Akademikers, der sich zur Meisterschule Elektrotechnik anmeldet, ein Bildungsabsteiger. Diese OECD-Philosophie hat inzwischen die Europäische Union angesteckt. Im Rahmen der EU-Wachstumsstrategie Europa 2020 wird per Europäisches Semester  für Deutschland eine Erhöhung des Anteils der 30 – 34jährigen mit Hochschulabschluss von 31 auf mindestens 40 Prozent verlangt. Diese Art von „Quotenfundamentalismus“, mit der wir es seit Picht`schen Zeiten zu tun haben, bedeutet ein Austrocknen des Wurzelgrundes für das duale System der beruflichen Bildung. Außerdem werden hier Äpfel mit Birnen verglichen. Bei einem Vergleich des Vergleichbaren  liegt nach dem Urteil von  Nida-Rümelin die Akademiker-Quote in den USA bei lediglich 10 Prozent.  Von solch oberflächlichen internationalen Vergleichen sollten wir uns nicht in die Irre führen lassen. Fakt ist leider :  Wer einmal seinen Fuß in ein deutsches Gymnasium gesetzt hat, ist in der Regel für die gewerblich-technischen Berufe der Wirtschaft und zumal des Handwerks verloren. Im Wesentlichen bilden nur Kinder von Betriebsinhabern hier eine Ausnahme. Die Rekrutierung qualifizierten Nachwuchses wird  für die mittelständische Wirtschaft immer schwieriger. Energetische Gebäudesanierung und Digitalisierung  zum Beispiel bedeuten für wichtige Teile des Handwerks  hervorragende Nachfrage-Perspektiven.  Entsprechend hoch ist der Fachkräftebedarf.  Dieser Bedarf bekommt noch dadurch eine besondere Dringlichkeit, dass mindestens 100.000 Betriebsinhaber des Handwerks  in den nächsten fünf Jahren  altersbedingt Nachfolger benötigen. Dafür kommen in erster Linie dual ausgebildete Personen in Frage. Hochschulabsolventen sind bisher ein Randphänomen ( zum Beispiel 1300 Diplomingenieure und graduierte Ingenieure unter 58.000 Betriebbsinhabern der Handwerkskammer Düsseldorf; das ist ein Anteil von 2,2 Prozent). Kein gutes Zeichen ist, dass immer mehr Lehrstellen  unbesetzt bleiben.  Im Jahr 2014 waren bei der Bundesagentur für Arbeit  zum Stichtag 30. September 37.101   freie  Ausbildungsstellen gemeldet. Die wirkliche Zahl dürfte viel höher liegen, da die Inanspruchnahme der Vermittlungsdienste der Bundesagentur freiwillig ist.  Handwerk und Mittelstand haben  nicht nur die ungünstige Demografie, sondern zeitgleich auch den Absaug-Effekt der expansiven Bildungspolitik zu verkraften. Ein weiteres Anwachsen der Studierendenquote bedeutet – um noch einmal Nida-Rümelin zu zitieren -  ein „Abwracken“ der nichtakademischen Berufsbildung im dualen System.  Wenn sich diese Trends nicht umkehren lassen, wird der Fachkräftemangel von dual ausgebildeten Personen zum größten Wachstumsproblem der mittelständischen Wirtschaft.  Hieran wird nur dann eine Änderung eintreten, wenn die  Attraktivität  der dualen Berufsbildung stärker in der Öffentlichkeit und vor allem bei Schülern und Eltern anerkannt wird.

Aufschlag 2 : Wertigkeit der dualen Berufsbildung für die Nachwuchsrekrutierung des Mittelstands

An Lob unseres dualen Systems der beruflichen Bildung mangelt es zurzeit nicht. Ich will einige starke Gründe  für den hohe Wert des dualen Berufsbildung  für die gewerblich-technische Nachwuchsrekrutierung  aus der Sicht von Handwerk und Mittelstand  hier auflisten:

a) Marktnähe

 Warum erzielt dieses System im Europavergleich die niedrigsten Jugendarbeitslosenquoten? Die entscheidende Antwort aus meiner Sicht ist folgende: „Das System der beruflichen Bildung ist näher am Puls der Wirtschaft“ (Hans Jürgen Schloesser, Universität Siegen). Unsere berufliche Bildung hat den stärksten Marktbezug in unserem gesamten Bildungssystem. Die Marktnähe des dualen Berufsbildungssystems führt natürlich auch dazu, dass im Aufschwung die Zahl der Lehrstellen steigt und im Abschwung sinkt. Das führt zeitweilig zu Härten, die manchmal durch Sondermaßnahmen ausgeglichen werden müssen. Aber der diesbezügliche Vorteil liegt darin, dass der Konnex zum Bedarf der Wirtschaft gesichert ist. Entscheidend ist, dass   in Handwerk und Mittelstand  der Lehrling in die Leistungserstellung für den Kunden einbezogen und damit in den  Marktprozess eingebunden ist. Der Kunde kauft oder kauft nicht. Der Kunde lobt oder tadelt. Nichts löst mehr Lerneffekte aus, nichts motiviert mehr als eine solche Rückkopplung zum Kunden. Keine Schule und keine behütete Werkstatt können dies ersetzen. Wettbewerb und Marktnähe schlagen also auf die Ausbildungsprozesse durch. Man könnte in Abwandlung einer Formulierung von Friedrich-August von Hayek vom Wettbewerb mal nicht als Entdeckungsverfahren, sondern als Qualifizierungsverfahren sprechen. Wen wundert es, dass in einem solchen System die Übergänge von der Schule in die Berufsausbildung und  vor allem von der Berufsausbildung in den Job schneller und besser funktionieren als in anderen Ländern.  Der Arbeitgeber hat den Lehrling kennengelernt und kauft bei dessen Übernahme in ein Beschäftigungsverhältnis „keine Katze im Sack“. Er weiss, dass die Ausbidung passgenau auf die Bedürfnisse der betrieblichen Praxis  ausgerichtet war. Die Überbetriebliche Unterweisung des Handwerks und die Berufsschule treten hinzu. Das sind  unschlagbare Vorteile der dualen Berufsbildung.

b) Duale Berufsbildung =  Stärkste Konkretisierung des Subsidiaritätsprinzips 

Unser Duales System der beruflichen Bildung ist eine der stärksten Konkretisierungen  des Subsidiaritätsprinzips im gesamten  Bereich der Bildungspolitik:  Erst die Betriebe des Privatsektors als Ausbilder und dann der Staat. In dieser Reihenfolge. Die Betriebe übernehmen die Verantwortung und die Kosten.  Der Staat definiert durch die Ausbildungsordnungen unter Heranziehung der Sozialpartner und des Bundesinstitut für Berufsbildung eine Rahmenordnung, in der sich die ausbildenden Betriebe frei  bewegen. Der Staat ist  Regelsetzer und Schiedsrichter.  Nicht mehr und nicht weniger. Nur im Bereich der Berufsschulen ist er Mitspieler. Als dualer Partner ist er dort wichtig, aber insgesamt  nicht dominierend. Auf diese Balance kommt es an.

c) Identifikation der Akteure mit der dualen Berufsbildung

Erst eine solche Balance führt zu der enormen Identifikation der Akteure aus Kammern, Verbänden, Gewerkschaften und Berufsschulen mit diesem System. Auch das ist sein Erfolgsgeheimnis. Zehntausende von ehrenamtlichen Prüfungsausschuss-Mitgliedern aus den Betrieben engagieren sich. Dadurch wird die Betriebsnähe des Prüfungssystems sichergestellt. Die Prüfungshoheit liegt bei der Selbstverwaltung der Kammern. Berufsschullehrer bringen sich hervorragend ein.  Auf Innungsversammlungen wird über kein Thema mit so viel Herzblut diskutiert wie über Fragen der Ausbildung. Diese Akteure bilden eine ehrenamtliche Infrastruktur, über die kein anderer Bildungsbereich verfügt. Wer die duale Berufsbildung ins Abseits drängt, legt die Axt  an diese ehrenamtliche Infrastruktur.

d) Marktfähigkeit aufgrund von  Erfahrungswissen

 Das duale Berufsbildungssystem sorgt  dafür, dass in  unserer Wirtschaft das Erfahrungswissen der Meister- und Facharbeiterschicht an die Seite des systematischen Theoriewissens von Hochschulabsolventen tritt. Dabei darf man das Erfahrungswissen nicht auf manuelle Fertigkeiten verkürzen, sondern es umfasst auch unersetzliche kognitive Fertigkeiten und Leistungen. Der alte Spruch des Handwerks „Geselle ist, wer was kann; Meister ist, wer was ersann; Lehrling ist ein Jedermann“ deutet an, was hier gemeint ist.  Kurzum: Akademische Spezialisten  schaffen ohne die Erdung durch die dual ausgebildete Meisterebene nicht den Sprung von der Innovation zu wirklich marktfähigen Produkten. Berufliche Bildung ist auf diese Weise eine wichtige Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum. Die sagenumwobene deutsche Qualifikations- und Soliditätskultur hat hier ihre Grundlage.

e) Duale Berufsbildung fördert Gemeinwohlziele

 Zum Lob auf unsere duale Berufsausbildung gehört auch der  Hinweis auf ihre große Bedeutung für den gesellschaftlichen Aufstieg nicht-akademische Bevölkerungsschichten. Das Aufstiegsversprechen der Sozialen Marktwirtschaft  bliebe ohne den Weg über die duale Berufsbildung  leer. Auch bei der  Integration unterschiedlicher Problemgruppen am Jugendarbeitsmarkt  ist die duale Berufsbildung eine unserer wichtigsten Trumpfkarten. Für junge Menschen mit Migrationshintergrund, die eine Gesellen- oder Facharbeiterprüfung bestanden haben, ist das Integrationsproblem gelöst.

Aufschlag 3:  Reformnotwendigkeiten bei der dualen Berufsbildung

Der fundamentale Änderungsbedarf  besteht in der Anerkennung einer Gleichrangigkeit von akademischer und beruflicher Bildung durch  Öffentlichkeit  und vor allem durch Schüler und Eltern. Dies erfordert einen durchgreifenden  Bewußtseinswandel. Die erste Reformnotwendigkeit beim dualen System besteht  damit darin, duale Berufsbildung bei jungen Menschen attraktiver zu machen:

  • Das Imageproblem der dualen Berufsbildung insbesondere bei „blue collar jobs“ kann durch Maßnahmen wie die  Imagekampagne des deutschen Handwerks („Am Anfang war Himmel und Erde, den gesamten Rest haben wir gemacht“) angegangen werden. Schluß mit dem Märchen einer Produktion von Bildungsverlierern durch duale Berufsbildung ! Die Abitur- und Uni-Fixierung von Eltern  (exemplarisch der Film „Frau Müller muss weg !“) muss aufgebrochen werden Ein Stück mehr Begeisterung bei den Anhängern der dualen Berufsbidung kann helfen. Nur wer begeistert ist, kann mit Begeisterung anstecken.  Richard Sennett mit seinem hervorragenden Handwerksbuch ist hier ein gutes Beispiel („Handwerk ist eine Sache um ihrer selbst willen gut machen“.)
  • Die wichtigste Forderung lautet: Keine Sackgassen bei dualen Bildungsgängen! (Ziel: 10. Klasse und Gesellenprüfung = fachgebundene Hochschulreife!). Kein Abschluss ohne Anschluss!
  • Entscheidend ist nicht, dass dual ausgebildete Personen dann tatsächlich  studieren, sondern dass sie studieren könnten.
  • Die Arbeits- und Entlohnungsbedingungen  müssen bei dual Ausgebildenten  mit der Perspektive der Meister-Qualifikation gegenüber Bachelor- Vergütungen  wettbewerbsfähig werden. Hier vollzieht sich im Augenblick ein eklatanter Wandel.
  • Die Berufsberatung in der Sekundarstufe II an Gymnasien ist auszubauen und zu professionalisieren. Gymnasien sollten ihren Schülern duale Bildungsgänge als ernsthafte Alternative nahebringen.
  • „Triale Studiengänge“, die innerhalb von zehn Semestern zum Erwerb von Gesellenbrief, Meisterbrief und Bachelor führen, sollten als gemeinsame Initiativen von Fachhochschulen und Handwerk  vorangetrieben werden (Beispiel: Fachhochschule Niederrhein). Dann gibt es vielleicht eine reale Chance, verstärkt auch Abiturienten für die duale Berufsbildung zu gewinnen.
  • Die Ausstattung der Berufsschulen/Berufskollegs ist zu verbessern. Der Mittelstand benötigt an den Berufsschulen vermehrt Fachlehrer, die auch wirkliche Fachlehrer sind. 
  • Die Integration von Studienabbrechern ins Handwerk sollte forciert werden. Dabei ist wichtig, dass  die Berufsschulen sich auf diese Zielgruppe einstellen und sie nicht unterfordern.

Die Karten in unserem Bildungssystem werden neu gemischt, weil das alte System gegen die Wand läuft.  Dies ist die Situation, in der die duale Berufsbildung  tatsächlich eine neue  Chance bekommt. Ich schließe mit einem Satz von Wilhelm Röpke, den er kurz vor seinem Tod niedergeschrieben hat: „Die Meinung, dass wir im Namen der Gleichheit möglichst jeden durch die Gnadenforte der höheren Schulbildung zwängen ......., kennzeichnet eine Ideologie‘, die ein Minus an Realismus durch ein Plus an naiven Utopismus zu kompensieren sucht.“

Wilhelm Röpke, der mit Walter Eucken befreundet war, hat bei anderer Gelegenheit einmal gesagt: Wenn er nicht Professor geworden wäre, dann wäre er gern Tischler im Berner Oberland geworden.  – Das ist doch eine Berufsperspektive. Von Bildungsabstieg jedenfalls ist da keine Rede gewesen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Köster Dr. Thomas HWK Düsseldorf
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